Und alle laufen in Trumps Falle

Es ist reizvoll und erleichternd, sich über Donald Trumps verkündeten Abschied von dem Pariser Klimaabkommen aufzuregen und den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten als dumm, ignorant und unwissend anzusehen. Aber: Ist das richtig?

Schieben wir unseren reflexhaften Ärger, unsere Wut und unsere Ohnmacht gegenüber Trumps Handlungen mal für einen Moment bei Seite und nehmen wir mal an, da sitzt nicht ein selbstverliebter Volltrottel im Oval Office sondern der Präsident und sein Beraterstab um Steve Bannon wissen sehr genau, was sie tun.

Gehen wir jetzt zu der Zeit vor der Verkündung des Bruchs mit dem Klimaabkommen zurück und sehen uns die Situation Trumps an. Da ist ein Präsident, der seinen Wählern versprochen hat, gegen das politische Establishment anzugehen, Obamas Klimapolitik rückgängig und Amerika wieder großartig zu machen und hundertausenden Jobs zu schaffen. Wegen dieser Aussagen und wegen der Versprechen, das Land durch Abschottung (unter anderem durch eine Mauer an der mexikanischen Grenze) sicherer zu machen und Obamacare abzuschaffen, ist Trump ins Weiße Haus gewählt worden.

Das mit der Abschottung, dem Mauerbau und der Abschaffung von Obamacare hat bisher noch nicht so ganz funktioniert. Dringend Zeit also für Trump, einen politischen Erfolg zu feiern. Da ist der Ausstieg aus dem Klimaabkommen nur konsequent. Trump weiß jedoch durch seine ihn beratende Tochter Invanka und dessen Mann Jared Kushner, was für die Welt einerseits (Who cares. Their problem. DEAL WITH IT) und die Vereinigten Staaten andererseits auf dem Spiel steht.

Trotzdem entscheidet sich Trump für den Ausstieg – und hier kommt meine These -, weil er die Auswirkungen seiner Handlung genau abgeschätzt hat. Gucken wir uns dazu die Reaktionen auf Trumps Entscheidung genau an.

Viele führenden Wirtschaftslenker US-amerikanischer Unternehmen haben schon vor der Entscheidung (Thanks folks. Great guys. THE BEST) erklärt, diese zu ignorieren und den Weg, auch weiterhin klimafreundliche Unternehmensentscheidungen treffen zu wollen.

Viele Politiker US-amerikanischer Städte und Bundesstaaten (Bunch of loosers. SO PREDICABLE) haben ebenfalls signalisiert, weiter in Sinne des Klimaabkommens agieren zu wollen. Und die politische Weltöffentlichkeit (Have they paid all their bills yet? THIS WILL CHANGE) gibt den Chor der Empörung und versucht den Präsidenten, doch noch zum Umdenken zu bewegen.

Blicken wir nun genauer auf die Paragrafen des Pariser Abkommens. Die USA können frühestens nach drei Jahren offiziell den Austritt beantragen – und dann dauert es noch ein Jahr, bis der Austritt offiziell ist.

Als Gemengelage ergibt sich also:
•  Die amerikanische Wirtschaft macht trotzdem weiter, weil sie weiß, dass sie sonst den Anschluss verliert
•  Die überwältigende, weltweite Mehrheit der politischen und medialen Kasten ist entsetzt und zetert hyperventilierend und reflexhaft.
•  Die internationalen Staatsoberhäupter fordern Trump auf seine Entscheidung zu widerrufen und es gibt zarte Andeutungen, dass das Pariser Klimaabkommen nun auch von anderen Seiten angezweifelt wird.

All das spielt Trump in die Karten. Er hat nun sein Wahlversprechen eingelöst, ohne, dass es in Realität große Auswirkungen hat. Der Pro-Paris-Teil der Wirtschaft hält an ihrem Kurs fest und so entstehen neue Arbeitsplätze. Gleichzeitig entstehen weitere Arbeitsplätze in der Öl- und Kohleindustrie, die einen letzten späten und vermutlich kurzen Frühling erwartet. Damit kann sich Trump im nächsten Wahlkampf mit zwei bis drei weitere eingelöste Wahlkampfversprechen brüsten: Neuen Job, die er geschaffen hat und rund 1,5 Milliarden eingesparte Dollar. die wären dann für die Finanzierung der Mauer frei. (Always told you. I’m the only one who can. THE BEST). Seine Anhänger werden ihn dafür lieben, die Kleinigkeit, dass die Wirtschaft sich in großen Teilen trotz Trumps Entscheidung modernisiert und deshalb gut entwickelt hat: geschenkt. Das kriegt FOX schon irgendwie versendet. Eh zu komplizert. (Zudem: Nach drei Jahren kann Trump immer noch seinen Rückzieher vom Rückzieher machen, falls nötig. Für seinen schottischen Golfplatz hat er ja auch schon Maßnahmen ergriffen, um ihn vor dem Klimawandel zu schützen.)

Und international verdeutlicht man durch die Reaktionen und die Bettelei, dass man immer noch der Überzeugung ist, dass es ohne die USA nicht gehen kann. Das hat selbst Merkel in ihrer Bierzeltrede ziemlich unverblümt gesagt. Macron ebenso. Trump kann also zuhause vorweisen: Ohne uns, ohne mich läuft nix. Ich sage, wo es lang geht. (Bunch of loosers. Just listen to daddy. ALWAYS TOLD YOU)

Was also tun? Wir – die Welt – müssen aufhören, immer erst auf das Weiße Haus zu schielen. Wir müssen agieren. Selbstständig, gerne mit den USA, aber im Notfall auch ohne sie. Es gibt eben nicht nur rote Linien, die mit viel Getöse bei Giftgasangriffen auf die eigene Bevölkerung überschritten werden, sondern auch welche, die leise durch feine Undiplomatie von gewählten Politikern übertreten werden.

Etwas zugespitzt: Ich freue mich auf den großen Staatsmann, der sich traut, das auch mal zu benennen und dem großen blonden Mann die verbale Ohrfeige zu geben, die er verdient hat. „The United States are a regional power whos actions are a sign of weakness rather than strength. The world will deal with this but continue on their path nevertheless.“